(Eine aus der Erinnerung und Erzählubgen zusammengetragene Erfolgsgeschichte)
Es war schon eine fazinierende Idee, die da in East Lothian südlich des Firth of Forth
und einige Meilen östlich von Edinburgh geboren wurde.
Noch konnte man nicht ahnen, ob aus diesem einzelnen Samenkorn jemals ein vernünftiger
Trieb spriessen würde; geschweige denn, dass es Absicht gewesen wäre etwas ins Leben
zu setzen, was eine halbe Generation später geradezu als natürlich und fast lebensnotwendig
angesehen wird. Aus heutiger Sicht stellt sich vieles als eine zwangsläufige Folge - hier und
da sicherlich mit einigen Zufällen gepaart - dar und wird in den Rang des Selbstverständ-
lichen und des schon immer da gewesenen erhoben.
Aber alles der Reihe nach - es war und ist ja ganz anders,
wie das meistens so im wahren Leben ist.
Da hatte jemand - es war so um neunzehnhundertachtzig oder früher - ein Haus in
Longniddry. Es war ein Zweithaus. Ein Ferienhaus, so wie heute manche ein festes
Urlaubsdomizil an südlichen Gestaden haben. Für die Familie, für die Kinder,
auch für Freunde. Und für sich. Nur, dass dieses Haus eben in Schottland stand,
in besagtem Ort Longniddry.
Und wenn man denn schon mal da ist - in Longniddry - im Urlaub mit der Familie,
dann lädt man die Freunde der Kinder, die Kinder der Freunde, die Freunde mit Kindern
und Freunde mit Freunden ein, um in einer zur damaligen Zeit noch wenig bekannten,
ursprünglichen, traditionsbehafteten Region, die sich uns erst in den letzten Jahren
erschlossen hat, nicht nur Urlaub zu machen sondern Urlaub zu erleben, Menschen
zu treffen, Spass und Muße zu haben, Neues zu entdecken oder einfach mit sich und
seiner Welt in Einklang zu sein.
Der Hausbesitzer von Longniddry hiess Klemens Lükewille. Dieser Klemens war -
und ist es auch noch bis heute - ein Gemeinschaftsmensch, ein kummunikativer und
integrativer Mann, der gern Leute um sich hat, der vermittelt und teilhaben lässt, der
begeistern kann und für sich gewinnt, der dem neuen so aufgeschlossen gegenüber
steht wie es das alter bewahrt, ein Sportsmann im wahrsten Sinne des Wortes, lustig,
beredt und - um in der Sprache sines Zweitwohnsitzes zu bleiben - "he's a character",
den seine neue Umgebung um so mehr akzeptierte als er sich in ihr etablierte und wohl
fühlte.
Irgendwie und irgendwann fand Klemens dann zum Golf. Es ist auch nicht auszuschliessen,
dass dieser persönliche "Schicksalsschlag" ihm schon früher und woanders getroffen
haben mag. Von Belang ist jedoch nur, dass hier in Longniddry zwei bedeutsame Dinge wie
die Fügung des Schicksals zusammentrafen: die Lust und die Gelegenheit.
Man darf nicht vergessen, dass rund um Longniddry die Weltwiege des Golfsports
beheimatet ist. Auf der anderen Seite des Firth of Forth - man meint es bei klarer Sicht
von einerhohen Düne erahnen zu können - liegt das altehrwürdige "Saint Andrews":
auf dem diesseitigen Ufer reihen sich die Namen wie die Perlen aus dem Golf-Goethe:
Royal Musselborough, The Honorable Society of Edinburgh Golfers, Luffness, Gullane,
Muirfield, North Berwick und nur einen Steinwurf von besagtem Haus in Longniddry ist
der Golfclub von Longniddry, wo Klemens auch "Country Member" wurde und das
sollte Folgen haben.
Zunächst einmal waren die örtlichen Gebräuche zu verinnerlichen, die Organisation eines
britischen Clubs zu verstehen, die Positionen eines "Captains" und eines "Secretary"
richtig einzuordnen, die Kleiderordnung ebenso wie die Parkregelung zu beachten,
die Funktion einer "dirty bar" als sinnvoll anzuerkennen und zu lernen, dass es "drinks"
nur gegen "Cash" gibt, den "locker room" nur mit sauberen Schuhen zu betreten und
den "caddymaster" als Amtsperson anzuerkennen. Diese und vieles mehr,was sich
traditionell und aus Zweckmäßigkeitsgründen in langen Jahren britischer Golfkultur
entwickelt und gefestigt hat, fand auch bei dem Neumitglied in Longniddry nicht
unerheblichen Anklang und Gefallen.
Und dann kam das Golfen. Auf Links. Mit Topfbunkern wie Baugruben. Mit dem Wind.
Gegen den Wind. In den Dünen. über den Dünen. Rough war alles, was nicht
Fairway war. Lochspiel - das wahre Spiel. Begreifen, warum der "course" so und nicht
anders gebaut worden war. Strategie, Technik, Geschichte, Trophäensammlung in der
Vitrine, Ehrentafeln und Ahnenbilder im Foyer des "clubhouse", Fahnenmast vor der
Terasse. Die Runde nach der Runde. Very british.
Alles dieses ging an Klemens nicht spurlos vorbei - wie hätte es auch?
Erschwerend kommt natürlich hinzu, dass diesem Klemens ein anglophiler "touch"
innewohnt, der ihn begeistert von den "Lammermuirs" und "Maria Stuart",
von "high tea" und "Authur's Seat" erzählen lässt, und der sich in
Edinburgh und Umgebung fast so gut auskennt wie in der Senne,
wo er gebürtig herkommt. Oder besser.
Daheim - in Gürtersloh - in trauter Freundesrunde, wecken seine Erzählungen und
Erfahrungen natürliche Neugier auf die wahre Golf in einer Ecke Europas, die man immer
schon mal gern kenngelernt hätte - wegen der Geschichte, wegen der guten Luft, wegen
der Sprache und wegen des einen Getränkes, das man am Ende nur mit "y" schreibt.
Das Interesse war da. Familienausflüge mit Kind und Kegel und Hund und Wohnwagen -
natürlich verbunden mit einer übernachtseefahrt nach Hull upon Tweed, dem
passieren des Limes und dem letzten Pub in England und dem ersten in Schottland -
in die Lothianischen Dünen. Familienpflegschaften und schlichter Freundesbesuch waren
Anlass genug und Folge der begeisternden Schilderungen, die Klemens von sich gab.
Wenn dieses denn nun alles gewesen wäre, was ein Zweitwohnsitz mit allen seinen
Begleiterscheinungen hätte bewirken oder auslösen können, dann wäre dieses
zwar schon reichlich und genug gewesen, aber - weit gefehlt - dieses waren nur die
Vorläufer einer Bewegung. Bis dann eines Tages die erste reine Männer-Crew mit
ausschliesslich golferischen Absichten und zum Behufe eines Turniers über mehrere Tage
auf unterschiedlichen Golfplätzen nach Edinburgh eingeschifft werden sollte. Sollte!
Weit gefehlt! Die Mann-Reihen bröckelten, der Bus nur halb belegt, die Schiffskabinen
gebucht wie auch das Hotel und die Startzeiten; und all' das nur eine Woche vor Abreise.
So war das vor etwa dreizehn Jahren.
Die Lücken mussten mit Damen gefüllt und geschlossen werden, und so fand - die
"green jackets" waren weder erfunden noch gab es auch nur einen annähernd
ähnlich klingenden Namen - die erste gemischte Golfreise nach Schottland auf Links-
Kurse statt. Gents 'n Ladies.
Nichtdestotrotz wurde mit dieser Reise ein gewisser Fingerzeig gegeben, die in
rudimentären Zügen aufzeigte, worauf im Wiederholungsfall geben würde und sollte,
war den Herren so sonnenklar, wie sie die Links-Kurse in East-Lothian schätzen und
fürchten gelernt hatten.
Die Herren haben natürlich zu hause genau so enthusiastisch berichtet wie es seinerzeit
Klemens getan hat. Vor lauter Begeisterung sprach man bald über nichts anderes mehr als
von der nächsten Reise - und wer alles dabei sein wollte, sollte, möchte, musste und
konnte.
Klemens schwebte - weitab vom heimlichen Geschehen - ein jährlich stattfindendes
Links-Kurs-Turnier vor, an dem sich Golffreunde mit einem Faible für "classic golf"
beteiligen konnten und sollten. Es war natürlich klar, dass ein solches Turnier nur auf einem
klassischen Linkskurs stattfinden könne, nach Möglichkeit auf mehreren, die nahe genug
beieinander lägen und tunlichst in Schottland zu liegen hätten.
So fand die erste Reise statt. Es war 1989 und natürlich ging es nach Schottland. Es war
quasi ein Einladungsturnier nach dem Motto "Klemens & friends" geworden. Hotel-
unterkunft und Plätze waren reserviert. Bus- und Schiffpassagen waren organisiert. Alle
Teilnehmer hochmotiviert. Man brauchte nur noch Platz zu nehmen - fast wie bei einer
Butterfahrt. Der erster Golfkure - zwischen Fähre und Hotelankunft hiess Dunbar-
Winterfield. Station wurde dann in Edinborough gemacht, Hotel in der City - Royal British,
Princess Street. Wegen des freien abendlichen Auslaufs und der notwendigen Einkäufe.
Zunächst wurde erst einaml in und um Edinburgh ausgiebig gegolft. Mit allem was dazu
gehört. So erfuhren die Reiseteilnehmer unter anderem was sich hinter "Father's Seat"
verbirgt und was der Schotte wirklich unter'm Kilt trägt. Was lag da näher als Plätze
auszuwählen, die zu dieser Jahreszeit bereits in einem Top-Zustand sind, die herausfordernd
sind und die dem Anforderungsprofil einer Mannschaft mit Siegchancen gerecht werden.
Die Männer um Klemens haben ihre erste Tour "Schottland" mit Bravour gemeistert.
Nun gab es in der Schar der in Edinburgh weilenden Golfer jemanden, der in seinem
Vor-Golfer-Leben eine ganze Menge von Ireland gesehen und in Ireland erlebt hatte.
Dieser Herr heisst Erhard Schröder. Mittlerweile hatte er auch als Golfer seine ersten
einsamen Exkursionen auf der Grünen Insel gemacht und kannte sich an der Westküste
recht ordentlich aus. Morgens Fischen, nachmittags Golfen, abends im Pub und Irish Musik.
Dabei lernte man viele Leute kennen, und die kannten auch wieder welche, die wussten
wie und was, wo und wann geht. Über so etwas wurde natürlich auch in Edinburgh,
im Hotel Royal British gesprochen. Und ehe man sich versah, war als nächstes Reiseziel
Irland ausersehen; denn man hatte ja jemanden.
Erhard nahm die Herausforderung an. Er begann unverzüglich mit der Planung und
Vorbereitung der Reise "Eire 90". Als Pragmatiker packte er seine
Reisetasche und "golfclubs" und fuhr in seine zweite Heimat, regelte vor Ort
die Dinge, die zu regeln waren, spielte die auserkorenen Plätze und testete die
Reisewege und manches mehr. Die Reise stand und wurde gebucht.
"Eire 90" war die erste Flugreise. Wir waren Mittags in Shannon und
standen bereits am frühen Nachmittag am 1. Abschlag von Dromoland Castle.
Die Reise war vollgepackt mit Sightseeing, Folklore, Nightlife in Killarny, Golf der
superlativen und einer denkwürdigen Abschlussfeier. Und dann wurden auch schon
die Wünsche für die nächste Reise geäußert. Es sollte Richtung England gehen.
Aber da kannte sich keiner so richtig aus.
Während des Spätsommers 1990 saßen drei einsame Golfer an der Clubhausbar und
spürten Fernweh. Der einer meinte, daß es in Essex oder Cornwall sehr schön sei.
Der andere meinte, auf dieser Seite des Kanals gäbe es in Frankreich herrliche Gegenden.
Daraufhin schaltete sich der Dritte ein, daß dieses genau seinem Geschmack entspreche.
So fuhren denn die drei Golf-Gourmets eines Tages gen Frankreich, spielten dort ein paar
Plätze, nahmen dann von Boulogne sur Mer den Hoovercraft nach Dover. Sie quartierten
sich in Sandwich ein und erkundeten die Gegend - golferisch und kulinarisch. Zurück-
gekehrt konnten sie den anderen berichten, daß es für 1991 ein neues Reiseziel gäbe;
- Kent, England.
Hocherfreut nahm Klemens dieses zur Kenntnis, und nachdem er die Liste der in Frage
kommenden Plätze und Clubs verinnerlicht hat, äusserte er erstmalig den Gedanken,
dass dieses doch wohl die Gelegenheit sei, mit unserer Gruppe einen Auftritt
"von gleich zu gleich" hinzulegen. Vielleicht war auch die Äusserung des Sekretärs von
Royal Ashdown von Einfluss: "We don't take groups from the continent, Sir, sorry".
Jedenfalls war es klar, dass Klemens seiner Gruppe ein "Gesicht" verpassen wollte,
das sich von dem vieler anderer Golftouristen nachhaltig und wohltuend unterscheidet.
Dass in der Zwischenzeit grüne und karierte Stoffe zu Jacken und Beinkleidern verarbeitet
wurden, vermeldet der Chronist nur beiläufig; dass aber der Wunsch und das Verlangen,
sich mit diesem Insignien zu schmücke bewies nur die Richtigkeit des von Klemens einge-
schlagenen Weges. Schlagartig hatte die Gruppe ein Gesicht, sie entwickelte Selbst-
bewusstsein und verstand sich nicht mehr nur als touristische Avangarde; es entstand
das Gefühl eines "Club im Club". So fand dann die Vorbereitung für die Kent-Tour statt.
"Kent 91" - allein der Name steht für königliches Vergnügen. Wir wurden sogar als
"society from the continent" akzeptiert, begrüsst und beschenkt und wir wohnten
zwischen historischer Stadtmauer und Kathedrale in Canterbury. Wir fühlten uns schon
ein wenig geadelt.
Das Abschlußturnier fand in Broome's Park statt mit anschließendem Abschlußdinner.
Dann kam die Siegerehrung mit gravierten Silberpreisen, und dann kamen die "speeches".
Die Neuen gaben manierlich Devotionsadressen ab, die Sieger sprachen von Taktik und
Methode, der Senior sprach von der Verhältnissmässigkeit der Dinge und schliesslich
sprachen alle durcheinander. Bis dann Klemens sein Glas und die Stimme erhob. "Fore!"
"Liebe Freunde", so hob er sichtlich bewegt und legte den Kopf auf die Seite,
"ich freue mich, dass wir hier sind und die letzte Runde unserer Dreiländer-Reise
gemeistert haben. Wir nicht nur tolle Reiseeindrücke gewonnen oder hier und da
auch mal ein Turnier gewonnen, wir haben nicht nur fremde Leute für uns
und vielleicht auch neue Freunde unter uns gewonnen - nein, leibe Freunde,
wir haben für uns alle etwas gewonnen; im Denken, im Fühlen, im Handeln,
im Verstehen, in der Toleranz und Akzeptanz, in Format, Stil und Miteinander.
Und das ist eine ganze Menge."
Im Verlauf seiner Rede sprach er erstmalig die versammelten Herren mit "gentlemen" an,
lobte die "sportsmanship" und führte aus, dass er sich durchaus vorstellen könne, diese
Herren-Bewegung als Gemeinschaft/Society zu etablieren. Mit Namen, Emblem
und internen Regeln, die ungeschrieben bleiben sollten.
Die Versammlung applaudierte Klemens und liess ihn hochleben.
Zum Ende seiner Rede verkündete er dann: "Und hiermit lade ich die Gentlemen der
Green Jacket Society zu den nächsten Spielen in 1992 nach Schottland ein."
Das war das Wort. Das war der Name. Da war die Idee. Das war das Ziel.
"The Green Jacket Society"
Ein spezieller Danke an Erhard Schröder, der diese wunderbare "History" ermöglicht hat.